Sprechen unter Druck: Die Strategien von Baerbock, Scholz und Laschet

Sprechen unter Druck: Die Strategien von Baerbock, Scholz und Laschet

Nicht selten hören Politiker:innen den Vorwurf, nicht authentisch zu sein. Woran liegt dieser gefühlte Mangel an Echtheit? Unter anderem daran, dass sie den kritischen Fragen der Journalist:innen sehr bewusst und strategisch begegnen müssen, um rhetorisch handlungsfähig zu bleiben und den Stressreaktionen ihres Körpers Herr zu werden. Ein:e untrainierte:r Redner:in würde sich in einer solchen Situation schnell um Kopf und Kragen reden.

Manch einer kann selbst mit Grauen auf solche Erfahrungen zurückblicken. Und wer würde angesichts solcher Momente nicht selbst gern ein bisschen Authentizität gegen mehr rhetorisches Geschick eintauschen?

Von unseren drei Kanzlerkandidat:innen kann man gerade jetzt in dieser Hinsicht viel lernen. Ich habe mir ein paar Interviews angesehen und das Verhalten von Baerbock, Scholz und Laschet analysiert. Diese sechs Strategien könnten auch in deinem Alltag hilfreich sein.

1. Tritt durch bewusstes Antworten aus der Defensive

Wie das gehen kann, zeigt Annalena Baerbock zu beginn des Triells am 29.8.. Da geht die allererste Frage an sie: „Warum kann Herr Scholz nicht Kanzler?“ Nur das kurze Anhalten ihres Atems weist auf einen kurzen Irritationsmoment hin. Schnell findet sie aber die Worte wieder und entscheidet sich, zunächst einmal eine Begrüßung in den Raum zu werfen. Damit gewinnt sie 1. Zeit und 2. einen hohen Status – sie bestimmt, was gesagt wird und weiß zudem, was sich gehört. Dann erklärt sie, warum sie diese Frage nicht beantworten wird und positioniert sich stattdessen mit ihrem Ziel, Deutschland zu erneuern – darum gehe es in Wahrheit.

Auch Armin Laschet antwortet im Sommerinterview auf seine Weise auf die Frage eines jungen Bürgers danach, wer den Wohlstand der zukünftigen Generation finanzieren soll. Laschet stellt eine Rückfrage an die Reporterin, was der Fragende genau meine. Dann definiert er selbst: „Also die Kernfrage lautet: Wie kommen wir nach der Pandemie wieder zu besseren Einnahmen für den Staat?“ Und verschafft sich damit Gelegenheit, seine Pläne zur Steuerpolitik darzulegen.

Was kannst du tun?

Wenn du dich von einer Frage unter Druck gesetzt fühlst, warte einen Moment, bevor du antwortest. Denke noch nicht sofort über die Antwort nach, sondern nimm dir zuerst Zeit zu entscheiden, wie du mit dieser Frage umgehen möchtest. Eine Rückfrage verschafft dir Zeit und kann dir helfen, die Frage besonders gezielt zu beantworten.

2. Bleibe beweglich

Besonders in Laschets Redebeiträgen kann man eine aktive Gestik beobachten. Diese durchgehende Beweglichkeit hilft ihm, seine Rede in einem rhythmischen Fluss zu halten.

Was kannst du tun?

Nimm eine Körperhaltung ein, in der du deine Arme und Hände frei bewegen kannst. Wenn du merkst, dass du im Kampfmodus bist, lehn dich bewusst zurück, mach eine Sprechpause und atme aus.

3. Atme

In der Schnellfragerunde des Sommerinterviews wird Laschet gefragt: „Was kann Angela Merkel, was Sie nicht können?“ Seine Reaktion: „Pffff… das weiß ich nicht.“ Mit dem „Pffff“ lässt Laschet Druck ab und verschafft sich Zeit. In diesem Fall unterstreicht er damit nebenbei nonverbal seine Botschaft: „Also hier muss ich wirklich lange überlegen…“ Laschets Redestil ist generell von kurzen Sätzen und vielen Atempausen geprägt, was seiner Stimme für jeden Satz neue Dynamik verleiht.

Was kannst du tun?

Trainiere, deine Sätze kurz zu halten und sie in anschließenden kurzen Pausen wirkungsvoll nachklingen zu lassen. Dadurch gewinnst du selbst Zeit zum Atmen und nachdenken. Während dein Gegenüber spricht und du zuhörst, achte darauf, deinen eigenen Atem nicht anzuhalten, sondern möglichst langsam und ruhig fließen zu lassen.

4. Verschaffe dir Rederaum

Olaf Scholz verschafft sich häufig dadurch Rederaum, dass er seine Aussagen numeriert. Immer wieder beginnen seine Antworten mit „Punkt eins ist…“ oder „Erste Aussage dazu…“. Indem er auf diese Weise sowohl Struktur als auch Spannung herstellt, vermindert er die Wahrscheinlichkeit, unterbrochen zu werden.

Was kannst du tun?

Nutze gliedernde Formulierungen wie „Einerseits, andererseits“ oder „Erstens, zweitens, drittens“. Darüber hinaus kannst du einleitende Sätze nutzen wie „Zu dem Punkt möchte ich gern etwas hinzufügen.“

5. Bleibe im Kontakt zum Anderen

Souverän auftreten und sprechen

Im Sommerinterview erhält Frau Baerbock eine kritische Frage einer jungen Bürgerin zum Thema Abschiebung. Ihre Antwort beginnt sie so: „Herzlichen Dank für diese wichtige Frage, liebe Özge.“ – Sie würdigt die Frage und spricht die Kritikerin direkt und mit Vornamen an. Dadurch signalisiert sie, dass sie Kritik nicht nur aushält, sondern auch schätzt und sogar zu einer Person, die sie kritisiert, aktiv Nähe herstellt.

Was kannst du tun?

Auch dann, wenn dein Nervensystem im Fluchtmodus ist, bleibe ruhig auf deinem Platz sitzen oder stehen. Nimm bewusst deine Füße wahr und atme weiter, um deinem Nervensystem zu signalisieren, dass keine reale Bedrohung vorliegt. Signalisiere verbal oder nonverbal, dass du zuhörst und gib der vorherigen Bemerkung deines Gegenübers dadurch Wertschätzung.

6. Lass den Druck beim Anderen

All diese rhetorischen Tricks erfordern eine bestimmte mentale Haltung. Die wichtigste lautet: Lass den Druck beim Anderen. Politiker:innen lernen in Medientrainings, den Druck, den die Journalist:innen aufbauen, nicht persönlich zu nehmen, sondern als Teil des Spiels zu begreifen.

Was kannst du tun?

Wenn du dich unter Druck gesetzt fühlst, kannst du einen Trick aus der systemischen Arbeit nutzen. Stellt dir den Druck bildlich vor wie einen Stein oder einen anderen Gegenstand, den jemand bei dir abladen will. Dann stell dir vor, wie du diesen Gegenstand der anderen Person zurück gibst und ihn dort lässt. Du selbst bist frei. So kannst du selbst souveräner und wahrhaftiger agieren, statt nur zu reagieren.

Zum Glück stehen die meisten von uns selten unter so starkem Druck wie unsere derzeitigen Kanzlerkandidat:innen. Und diese haben lange daran gearbeitet, dieser Rolle gewachsen zu sein. Wie immer in der Kunst des Sprechens gilt: Übung hilft. Viel Erfolg dabei wünscht dir deine

Anne Kühl

Die wichtigsten Tipps und Techniken für einen souveränen Auftritt erhältst du in meinem Videokurs “Souverän Sprechen – Spot an für deine Stimme!”

Bilder: unsplash

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Anne Kühl Dipl.-Sprecherin, Dipl.-Sprecherzieherin
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