Eine Analyse von Boris Pistorius‘ Redebeitrag auf der Münchener Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2025
Der deutsche Verteidigungsminister grübelt. Das, was er eben gehört hat, kann er nicht so stehen lassen. Er muss reagieren auf die provokante Rede des US-Vizepräsidenten J.D. Vance auf der 61. Münchener Sicherheitskonferenz am 14. Februar 2025.
Er sei nicht sicher, ob Europa wisse, wofür es kämpfe, hatte Vance gesagt. Er mache sich Sorgen über den Verlust gemeinsamer Werte. Eine gefährliche Einschränkung der Meinungsfreiheit sei in verschiedenen europäischen Staaten zu beobachten. Politische Eliten hätten Angst vor der klugen Stimme des Volkes. Außerdem sei die Politik beängstigend untätig gegen die unkontrollierte Zuwanderung potenzieller Gewalttäter, der Hilfeschrei des Volkes dagegen werde ignoriert. Aufgrund dieser undemokratischen Haltung Europas könne die amerikanische Regierung auch in Sachen Verteidigung nach außen leider nichts für Europa tun.
Auf den Gesichtern der europäischen Delegierten und Gäste im Saal zeigen sich Stirnfalten. Haben die Amerikaner wirklich gerade angekündigt, den NATO-Partnern in Europa im Falle eines Krieges mit Russland ihren Beistand zu verweigern? Und hat Vance das mit der angeblich undemokratischen Haltung Europas begründet, die seine Regierung nicht unterstützen könne? Dürfen die Amerikaner das? Wie soll man auf diese Vorwürfe reagieren?
Die Aufgabe, darauf zu reagieren, fällt Boris Pistorius zu. Da sein Land Gastgeber der Konferenz ist, wird von ihm als für das Thema Sicherheit zuständigem Minister ein Statement erwartet.
Und zwar ein Statement, das in drei Richtungen Klarheit schafft:
Die Amerikaner muss er in die Schranken weisen, ohne sie zu brüskieren, denn er braucht sie noch.
Den anwesenden Delegierten der europäischen Bündnispartner muss er zeigen, dass er in der Lage ist, die Integrität der EU zu verteidigen.
Und seinem eigenen Volk gegenüber muss er die Haltung seiner Regierung rechtfertigen. Denn er weiß, wie irritierbar die deutschen Bürger gerade jetzt im Wahlkampf durch populistische Erzählungen sind, solche wie die, die Vance gerade in den Raum gestellt hat.
Auf das mehrheitlich gute Verhältnis zu all diesen drei Gruppen von Menschen ist seine Regierung angewiesen, gerade in diesem Moment, in dem Krieg in Europa herrscht.
Und um für all das die richtigen Worte zu finden, hat der Verteidigungsminister etwa zwei Stunden Zeit.
Gegen 20.00 Uhr tritt Boris Pistorius ans Mikrofon. Und dann legt der Minister ein erstaunliches diplomatisches Kunststück hin.
„Ich beginne auf Deutsch,“ sagt er, und macht damit klar: Diese ersten, spontanen vier Minuten seiner Rede richtet er vor allem an die Zuhörenden in seinem Land. Er bleibt kurz auf der Metaebene, um zu betonen, dass er eigentlich eine andere Rede vorbereitet habe, er aber nicht ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen könne, nach dem, was gerade gesagt wurde. So fängt er die Verstimmung im Saal auf und beweist seine Bereitschaft, auf Irritationen zügig zu regieren. An einem Ort, wo es um Sicherheit geht, ist das ein zielführendes rhetorisches Signal.
Dann lenkt Pistorius seine Worte in Richtung USA: Er sei ein großer Freund Amerikas, sagt er, und betont seine emotionale Bindung zu dem Land, dessen Vertreter er gleich konfrontieren wird. Denn gerade weil Amerika ihm am Herzen liegt, müsse er auf diese Rede reagieren. Zur sachlichen Ausrichtung seiner Worte zitiert er das Motto der Bundeswehr als institutionelle Autorität: „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“ – ein rhetorisch plausibler Verweis darauf, dass Deutschland sehr wohl weiß, wofür es kämpft. Und dann weist er Vance’s Vorwurf der „Annulation of Democracy“ mit vier klaren Worten zurück: „Das ist nicht akzeptabel“. Der Applaus im Saal nach diesem Satz dauert 20 Sekunden.
Pistorius verzichtet komplett auf Gegenvorwürfe und Abwertungen des politischen Partners. Er greift den emotionalen, belehrenden Stil seines Vorredners nicht auf. Stattdessen belegt er ruhig und sachlich die lebendige Meinungsfreiheit in Deutschland mit zwei konkreten Beispielen: die AfD am Vorabend offiziell wahlkämpfend zur Primetime im deutschen Fernsehen, russische Propaganda verbreitende Medien als gleichwertige Gesprächspartner auf Pressekonferenzen der Regierung. Dann rechtfertigt er die Haltung Europas in dem Bemühen, oppositionellen Stimmen zwar Gehör, nicht aber die Macht zu verschaffen: Die laute Minderheit dürfe in einer Demokratie nicht automatisch die Wahrheit bestimmen, differenziert er die Sachlage. Mit der Phrase „Ich sag’s Ihnen, wie es ist“ unterstreicht er seine pragmatische Ehrlichkeit: Er sei persönlich „froh, dankbar und stolz“ darauf, in einem Europa zu leben, dass diese Art der Demokratie jeden Tag verteidigt. Das ist der emotionale Schulterschluss mit den anwesenden europäischen Delegierten.
Am Ende seiner Einleitung bekräftigt er seinen Widerspruch gegen Vance’s Vorwürfe: Er tritt dem erweckten Eindruck „energisch entgegen“ und betont das Selbstbewusstsein der europäischen Staaten im Kampf für die Demokratie, die Meinungsfreiheit, den Rechtsstaat und die Würde jedes einzelnen, „meine Damen und Herren“ – nochmal eine direkte Ansprache mit der Einladung an jeden einzelnen Zuhörer, diese Worte unmittelbar auf sich zu beziehen.
Nach dieser Einleitung wechselt Pistorius nahtlos ins Englische, grenzt sich thematisch von der inhaltlichen Richtung des Amerikaners ab und betont, dass es dringendere Themen gäbe, denen er sich nun im Sinne aller widmen möchte – die aktuelle Bedrohung der transatlantischen Sicherheit.
Mit dieser rhetorischen Meisterleistung hat Boris Pistorius in Deutschland und international viel Respekt geerntet. Und er hat gezeigt, wie es gehen kann: An mehreren Fronten gleichzeitig Klarheit in der Sache und Zugänglichkeit in der Beziehung zu markieren. Menschen mit einer anderen Ansicht respektvoll eine Grenze zu setzen. Die eigene Position selbstbewusst zu verteidigen und gleichzeitig die Beziehung zum Konfliktpartner zu regulieren.
Diese Stunden in München im Februar `25, diese historischen Rede-Momente haben eine neue Ära markiert. Durch zwei Reden wurden an diesem Tag entscheidende Weichen zum neuen Verhältnis der Großmächte zueinander gestellt.
Bild von M. Hassan gefunden auf pixabay


